„Hinaus ins Weite – Kirche auf gutem Grund“

Die EKD hatte vor einiger Zeit „Elf Leitsätze“ herausgegeben, die dann teilweise kritisch diskutiert wurden. Viele sahen in dem ersten Entwurf die Bedeutung der Ortsgemeinden abgewertet, „Krisenaktionismus“, „Abwertung der Parochie“ und „Musterschülertheologie“ waren Schlagworte in der Diskussion.
In die nun vorliegende Neufassung wurde die Kritik mit eingearbeitet. Auch die Reihenfolge der Themen wurde verändert, das Thema „Frömmigkeit“ steht nun an erster Stelle. Und die „Seelsorge“ ist als eigener Leitsatz hinzugekommen. Diese Zwölf Leitsätze sind nicht nur für die EKD von Bedeutung, sie wollen auch den Landeskirchen, Kirchenkreisen und Gemeinden „Impulse für die Gestaltung ihres eigenen Weges in die Zukunft geben“. Grund genug, an dieser Stelle die Diskussion über die „Zwölf Leitsätze“ zu eröffnen.

Zwölf Leitsätze zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche.

Bericht des Zukunftsteams

„Evangelisch Kirche gestalten“ gelingt nur gemeinsam und im Diskurs. Deswegen ist das „Wir“ in diesen Sätzen größer als das „Z-Team“; es ist als Einladung gedacht und als Vorschlag gemeint für das, worauf „wir“ uns in der Gemeinschaft der evangelischen Christinnen und Christen verständigen können. Allein der – mitunter mühsam errungene – Konsens erlaubt den Weg ins Weite. Darum sind diese Sätze auch noch nicht fertig. Sie erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie wollen diskutiert, ergänzt, verändert und angepasst werden.

Am Ende zielen sie auf verbindliche Verabredungen, die wir auf den verschiedenen Ebenen jeweils gemeinsam treffen – in einzelnen Gemeinden, Kirchenkreisen, Landeskirchen und auch in der EKD. Sie wollen Leitsätze sein für die zukünftige Arbeit der EKD, über die die Synode der EKD beraten und beschließen wird. Sie konkretisieren sich in den Vorschlägen des ‚Begleitenden Finanzausschusses für eine Finanzstrategie der EKD‘. Gleichzeitig wollen sie Impulse geben für die landeskirchlichen Zukunftsprozesse (Art. 8 GO EKD). Sie lassen Raum für unterschiedliche Konkretionen und für regionale und lokale Anpassungen. Es bleibt das Ziel, die unterschiedlichen Zukunftsprozesse auf den verschiedenen Ebenen perspektivisch zusammenzuhalten, nicht als Vorgabe „von oben“, sondern in einem gemeinsamen Prozess der Verständigung.

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Auf gutem Grund

„Hinaus ins Weite“ (Ps 18,20) – dieses Motiv beschreibt einen Weg der evangelischen Kirche in die Zukunft, der nur mit Mut und Gottvertrauen zu gehen ist. Als evangelische Kirche wollen wir aufbrechen zu Neuem, Bewährtes stärken und Abschied von Vertrautem nehmen. Das bedeutet Offenheit, nicht Rückzug. Wir fragen nach Gottes Führung und suchen nach seinen Wegen, wir vertrauen uns seiner Führung an. Darum bleiben wir zuversichtlich. Gottes Führung eröffnet Freiheit; sie ist Geschenk, aber auch Herausforderung. Wir sind auf dem Weg in die Zukunft nicht auf uns allein gestellt.

Im Johannesevangelium spricht Jesus zu den Jüngern, die nicht wissen, wie sie die Zukunft meistern können. Er verspricht ihnen den Heiligen Geist, der sie lehrt, erinnert, mahnt und tröstet. Auf drei Dinge kommt es an: die enge Verbundenheit mit Jesus Christus, das Vertrauen auf das Kommen des Geistes und die Praxis der Liebe. Christusbindung, Geistverheißung und Liebesgebot sind Grundpfeiler der Kirche Jesu Christi, an denen wir uns orientieren.

Dieser Dreiklang gewinnt Gestalt in der missionarischen und diakonischen Zuwendung zum Menschen. Dieser Weg bleibt nicht ohne Anfechtungen. Aber er ist getragen von der Zuversicht, dass Jesus Christus der gute Grund der Kirche ist, auf den wir bauen und an dem wir uns orientieren.

Der Weg von dieser Zuversicht zur konkreten Entscheidung ist nie eindeutig und geradlinig; deswegen brauchen wir in unserer Kirche den Diskurs und den gemeinsamen Willen zur Klärung zentraler Fragen im Bewusstsein weltweiter, ökumenischer Verbundenheit.

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die Einsicht, dass die Kirchen in Deutschland zukünftig weniger Mitglieder und weniger Ressourcen haben werden. Strukturen und Angebote können nicht im jetzigen Umfang fortgeführt werden. Die Gründe für den prognostizierten Rückgang sind zum Teil demographischer Art. Darauf hat die Kirche keinen Einfluss. Gleichzeitig lässt sich beobachten: Christlicher Glaube hat für viele Menschen an Plausibilität und Relevanz verloren. Die schwindende Akzeptanz der Kirche und ihrer Botschaft geht einher mit einer tieferliegenden Glaubenskrise. Die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen verliert für viele Menschen an Attraktivität und ihre gesellschaftliche Bedeutung nimmt ab. Das schlägt sich nieder in wachsenden Austrittszahlen; auch Taufen werden weniger. Darum ist die Frage nach der Zukunftsperspektive gleichermaßen eine geistliche und eine kirchenpolitische. Zugleich geht es um Sparmaßnahmen, Rückbau und effizientere Strukturen. Unabhängig davon, wieviel Geld und Mitarbeitende die Kirche in Zukunft haben wird, sehen wir drei strategische Herausforderungen:

Das biblische Bild des Leibes Christi (vgl. 1. Kor 12,12ff) bestärkt ein Handeln, das mehr als bisher auf das Zusammenwirken der einzelnen Glieder und Organe achtet. Stellvertretendes und gemeinschaftliches Handeln auf allen Ebenen gewinnt an Bedeutung. Die Frage, an welcher Stelle welche Aufgabe ihren Platz hat, wird wichtiger. In heutiger Sprache ist oft von Kirche als einem „Netzwerk“ die Rede.

Das biblische Bild vom wandernden Gottesvolk (vgl. u.a. Lev 19,33f, Dtn 26,5-9; Hebr, 13,14) bestärkt ein Handeln, das auf Gemeinschaft und Zusammenhalt der ganzen Kirche achtet, in die auch der „Fremdling“ einbezogen ist. Neue Formen der Bindung und Zugehörigkeit jenseits von klassischer Mitgliedschaft treten in den Fokus. Sie verändern die Art, wie wir Menschen ansprechen, wie wir mit ihnen zusammenwirken und wie wir Zugehörigkeit stärken.

Die biblischen Bilder von Salz und Licht (vgl. Mt. 5,13ff) bestärken ein Handeln, das die Wirksamkeit der Kirche in einer Öffentlichkeit in den Blick nimmt, in der Aufmerksamkeit ein begrenztes Gut ist und Polarisierungen zunehmen. Der Anspruch des Evangeliums ist öffentlich. Die Kirche muss daher in der Gesellschaft präsent, spürbar, wahrnehmbar bleiben. Aber das, was wir tun und sagen, muss sich noch klarer und deutlicher auf die Botschaft des Glaubens beziehen lassen. Diese Botschaft soll erkennbar sein, und unser Handeln muss sich daran messen. In dieser Konzentration liegt die Chance, gehört zu werden mit dem, was nur wir sagen können. Wir wollen das Leben in der christlichen Gemeinschaft so gestalten, dass wir Gelingendes erhalten oder stärken und zugleich Neues ermöglichen. Wenn das gelingt, können wir als Zeuginnen und Zeugen der ‚freien Gnade Gottes‘ (Barmen VI) auf andere und in die Öffentlichkeit unserer Gesellschaft hinein ausstrahlen.

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Kommentare (6)

  • André Demut
    am 17.11.2020
    Liebe Geschwister der Luth Bekenntnisgemeinschaft,
    danke für die Einladung zur virtuellen Tagung der Luth Bekenntnisgem – ich freue mich, dass ihr am Ball bleibt trotz Pandemie.
    Ich habe eben die 12 Leitsätze der EKD nochmal gelesen und mir viele Unterstreichungen, Anmerkungen am Rand, hier und da dicke Ausrufezeichen, hier und da dicke Fragezeichen notiert.
    Habt ihr mal überlegt, den mündlichen Austausch dazu doch in einer Videokonferenz zu gestalten?
    Bei mir hakt es irgendwie, jetzt schon hier in eure Kommentar-Maske etwas reinzuschreiben. Etwas Schriftliches ist dann gleich schon so festgezurrt … Es würde vermutlich auch ein relativ langer Text werden - und solche Textwüsten im Internet haben etwas Ermüdendes ... Ich halte den Zwischenschritt des gemeinsamen lauten Nachdenkens über solch einen gewichtigen Text für unverzichtbar. Ich würde mich über einen fernmündlich-visuellen Austausch sehr freuen ...
    Herzliche Grüße in die Runde, André Demut
  • Dr. Linck, Inge
    am 24.11.2020
    Stellungnahme zur Zukunftsplanung der EKD in den 12 Leitsätzen
    Ich will mich auf den Gesamteindruck, den das Papier bei mir hinterlässt und auf einige konkrete Punkte beschränken, die mir auch Anlass zur Kritik geben:
    1. Es ist sicher notwendig, von Zeit zu Zeit über Veränderungen der Kirche nachzudenken und dabei auch den Blick über den Tellerrand hinaus zu schärfen. Ecclesia semper reformanda ist ja nichts Neues. Insofern halte ich es für richtig, wichtig und gut, dass sich ein von der EKD eingesetztes Gremium intensiv damit befasst hat, wie die Kirche auf sich verändernde Bedingungen, die nicht allein von ihr oder durch sie zu verantworten sind, einstellen soll und muss, um ihrem biblisch begründeten Anspruch, „Salz der Erde“ zu sein, gerecht zu bleiben. Jesus Christus als der Grund für alles Handeln der Kirche ist und bleibt für sie konstitutiv und ist daher auch in den Leitsätzen an mehreren Stellen benannt.

    2. Die derzeitige Situation scheint mir zutreffend beschrieben, allerdings wurde nach meinem Verständnis keine Analyse vorgenommen, sondern es werden einige Grundannahmen zu den Veränderungen angeführt, z.B. der Mitgliederschwund durch die demografische Entwicklung und durch Kirchenaustritte, die u.a. mit einer tieferliegenden Glaubenskrise in Verbindung gebracht werden, etc.

    3. Es fällt mir auf, dass der Eindruck an einigen Stellen entstehen kann, dass die wesentlich treibende Kraft zu den Leitsätzen eher durch die schwindenden finanziellen Ressourcen bedingt ist, denn durch die Sorge um die geistliche Verfassung der Kirche und ihrer Glieder. ‘Sie (die Leitsätze) konkretisieren sich in den Vorschlägen des begleitenden Finanzausschusses für eine Finanzstrategie der EKD‘, heißt es gleich im Vorwort. Auf Seite 2: ‚Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die Einsicht, dass die Kirchen in Deutschland zukünftig weniger Mitglieder und weniger Ressourcen haben werden. Strukturen und Angebote können nicht im jetzigen Umfang fortgeführt werden‘. Und weiter unten: ‚die Frage nach der Zukunftsperspektive ist gleichermaßen eine geistliche und eine kirchenpolitische. Zugleich geht es um Sparmaßnahmen, Rückbau und effizientere Strukturen‘.
    Hätte nicht schon längst die Frage nach der geistlichen Zukunftsperspektive gestellt werden müssen angesichts des sich abzeichnenden massiven Glaubensabfalls? Natürlich muss sich Kirche auch mit Finanzen befassen, aber das, was sie als von Gott gestifteter geistlicher Körper ausmachen sollte, ist m.E. vorher zu beantworten. Wenn sie, die Kirche, nicht mehr für das Evangelium brennt und danach lebt, ist alles andere vergebliche Mühe. Sie muss darauf bedacht sein, dieses, ihr „Proprium“, in die Gesellschaft einzubringen, um nicht Gefahr zu laufen, im Konzert der Angebote zu verdunsten.
    4. Was mir in den Leitsätzen fehlt:

    - drängende Fragen in der Gesellschaft haben nicht den Stellenwert, der ihnen zukommt. Die Nennung der Schlagwörter „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ reicht nicht mehr

    - für den Schutz des Lebens, besonders am Anfang und am Ende, einzustehen

    5. Generell hinterlassen die Ausführungen bei mir den Eindruck, als habe ein Unternehmensberater die Feder geführt, nachdem er über Inhalte instruiert worden war. Das Papier hat die kühle Nüchternheit eines soziologischen Aufsatzes, was vermutlich dem Engagement derer, die an der Erarbeitung beteiligt waren, nicht gerecht wird. An vielen Stellen wäre weniger Text mehr gewesen. Das würde Lesen und Verstehen erleichtern. Schon die Länge der jedem Leitsatz vorangestellten Zusammenfassung ist zu viel. Bei mir ist der Eindruck entstanden eines hektischen Aktionismus, über den man nicht oft genug reden kann.
    Im Vergleich dazu verweise ich auf einen Aufsatz des ehemaligen Bischofs in Brandenburg, Dr. Werner Krusche, abgedruckt im Amtsblatt der KPS vom 1. August 1987 unter dem Motto „Einladende Kirche“. Neben der Sorge um die eigene „Klientel“ besteht der Wunsch, Menschen einladend anzusprechen, die sich ungreifbaren Mächten ohnmächtig ausgeliefert fühlen, die sich nicht mehr zurecht finden in einer undurchschaubaren Welt, tief verunsichert im Blick auf Werte und Normen etc. In sieben Thesen entfaltet er seine konsequent auf Jesus Christus ausgerichtete, theologisch fundierte Sichtweise in einer seelsorglichen Sprache, die authentisch ist und den Leser mitnimmt. Natürlich lassen sich die Ausführungen von Krusche nicht eins zu eins auf heute übertragen, aber einiges daraus täte den Leitsätzen gut. Ich hänge den Aufsatz an, allerdings fehlt die Seite 60.

    6. Ich plädiere dafür, sowohl die Präambel wie auch die Leitsätze so zu straffen, dass sie sich auf das Wesentliche konzentrieren. So wie jetzt hinterlässt das Papier bei mir eine gewisse Ratlosigkeit, wie die Überlegungen umgesetzt werden könnten, ohne sich im Ungefähren zu verlieren. Es wird nicht möglich sein, aufs Ganze gesehen die Idealstruktur etablieren zu können. Die Kirche ist eben kein Unternehmen.
    M.E. müssten die Gemeinden gestärkt werden als unverzichtbarer Grundpfeiler von Kirche. Dazu gehört neben der Stärkung der Gemeindepfarrerinnen und –pfarrer, wozu die Entlastung von Verwaltungsaufgaben gehört, auch die Stärkung des Ehrenamtes in der Gemeinde. Von dieser Basis aus kann die Kirche ins Weite gehen, nicht umgekehrt. Unbenommen bleibt, dass sich die Kirche als Institution durch ihre gewählten Vertreter auch in der Gesellschaft jederzeit zu Wort melden kann und soll, wenn es von ihrem Auftrag her notwendig erscheint.

    p.s. den angekündigten Aufsatz Krusche schicke ich direkt an das Büro der Suptur
    • Christfried Herklotz
      am 27.11.2020
      Der von Fr. Dr. Linck genannte Aufsatz von Bischof Dr. Werner Krusche vom 1987
      ist zu finden unter dem Menüpunkt "Texte der Besucher" .
  • Hermann Saitz
    am 24.11.2020
    Eher durch Zufall habe ich von dem 11-Punkte-Papier der EKD erfahren. Beim Durchlesen des Papiers fiel mir zunächst die akademische Sprache auf, verschwurbelt und voller Fachtermini. Mir schien es für eine Diskussion mit nicht- theologisch vorgebildeten Gemeindemitgliedern ungeeignet zu sein. Es war ein typisches „Eliten-Papier“. Deshalb am Anfang die schon im alten Rom gängige Frage:
    Cui bono ? - Wem nützt das ?
    Ist es ein Strategiepapier für Kirchenleitungen bis herab zur Kreisebene oder soll es auch die Gemeinden als Ganzes ansprechen?
    Als den größten Mangel des 11-Punkte-Papiers sah ich im Fehlen des Wortes Seele. Die aus meiner Sicht wichtigste Aufgabe der Kirche, die Seelsorge, kam in dem 11-Punkte-Papier überhaupt nicht vor, unglaublich ! Wozu also ein solches 11-Punkte-Zukunftsprogramm ?

    Nun liegt eine überarbeitete und erweiterte Fassung als 12-Punkte-Papier vor. Im Lesen dieses Papiers habe ich mir immer wieder die Frage vorgelegt: „Was ist die Kernaufgabe der Kirche?“. Und unter diese Fragestellung will ich meine kommentierenden Gedanken an Sie stellen.

    Gott sei Dank ist das nun vorliegende 12-Punkte-Papier sprachlich wesentlich geglättet. Gleichwohl ist, aus meiner Sicht, eine weitere sprachliche Entschlackung der 12 Punkte unumgänglich. Einem einfachen Gemeindemitglied oder einem Gemeindekirchenrat kann man auch dieses Papier einfach nicht zumuten. Es muss doch möglich sein, die Zukunft unserer Kirche in einfachen Worten, in der Sprache Luthers, „dem Volke auf den Mund geschaut“, zu verfassen. Wenn das Wort Wirkung haben soll, muss es jedermanns Verstand und Gemüt erreichen, nicht nur die der theologischen Elite. Auf diesem Stand sind die Verfasser noch lange nicht ! Unverständlich ist mir auch der Gebrauch denglischer Wortfetzen. Hat unsere Kirche, die Kirche des Schöpfers der deutschen Schriftsprache Martin Luther, diese Anbiederung an den Zeitgeist wirklich nötig ? Wenn die Verfasser glauben, damit insbesondere die jungen Menschen ködern zu können, dann irren sie vermutlich gewaltig. Im sprachlichen Umgang nutzt nur eine relativ kleine Gruppe junger Menschen diesen Slang. Es ist aber die Gruppe, die unsere Kirche beim besten Willen nicht erreicht, nicht erreichen wird.

    Es ist einer kleinen Gruppe von ideologischen Aktivisten gelungen, in Deutschland jenseits der im Duden festgelegten Schreibweise der deutschen Sprache die sog.gendergerechte Sprache zu etablieren. Immer mehr amtliche Institutionen fühlen sich bemüßigt, ihr geschlechtergerechtes Denken, ihre Modernität, ihre gemeinte Fortschrittlichkeit durch die gendergerechte Schriftsprache nach außen zu kommunizieren, um auf diese Weise nachzuweisen, in welchem Maße sie der Gendergerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen. Leider gehört zu diesen Institutionen nun auch die EKD. Ich kenne keine andere Institution, in der sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau so umfassend durchgesetzt hat, wie in unserer Kirche. Sie hat es einfach nicht nötig, Sprachkonstruktionen, wie sie jüngst von der EKD nachdrücklich empfohlen, also angeordnet wurden, einzuführen. Mit Ihrer Wortwahl „beruflich Mitarbeitende“ haben Sie selbst ein treffendes Beispiel dieser geistigen Verrenkungen abgeliefert. Ich habe Gruppen junger Menschen (20-30) und älterer Gemeindemitglieder (60+) zu ihrer Meinung zur gendergerechten Sprache gefragt und als überwiegende Antwort erhalten: „Haben die nichts anderes zu tun ?“. Im wohlabgewogenen Miteinander von Tradition (der die evangelische Kirche durch Luther in besonderem Maße verpflichtet ist) und dem Wandel der Zeiten, sollte unsere Kirche die angeordnete Sprachregelung stillschweigend so lange verschwinden lassen, bis sie im weltlichen Bereich amtlich eingeführt wird. Und wenn dies nicht erfolgt, dann war`s auch gut. Es ginge in der Gleichberechtigung von Mann und Frau nichts verloren. Die junge Generation wird mit dieser Sprachregelung für das Kernanliegen der Kirche jedenfalls nicht gewonnen. Kaum ein Begriff kommt im 12-Punkte-Papier derart oft und sinnvoll vor, wie der Begriff Tradition. Kehren wir in der Sprache zu ihm zurück.
    Der Schriftsteller Günter de Bruyn hat das in seinen Essays treffend charakterisiert:
    „Für Menschen, die eine andere Welt suchen, scheint die Kirche zu sehr von dieser Welt zu sein. Für einen, der an dem Rationalismus heutigen Lebens kein Genüge findet, ist die Kirche vielleicht zu sehr Bestandteil desselben. Zu wenig Sendungsbewußtsein zeigt sie in seinen Augen, zu sehr passt sie sich an“.
    und
    „Sie muss sich der Gegenwart stellen, ohne wie sie zu werden. Im Strom der Zeit sollte sie nicht mitschwimmen, sondern in ihm eine Insel bilden, eine feste Burg, in die man sich in der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit retten kann. Die Würde ihres Alters sollte sie nicht verleugnen“.

    Ohne Zweifel ist der biblische Auftrag an uns zur „Bewahrung der Schöpfung“ ein Auftrag, der weit in unseren Alltag eingreifen kann, eingreift. Jedoch ist „Bewahrung der Schöpfung“ ein Begriff, der sich weit auslegen lässt. Mit einem weit auslegbaren Begriff kann Schindluder getrieben werden. Praktisch ist damit nahezu jedes Handeln des Menschen abdeckbar. Wenn z.B. die EKM eine Petition in Gang setzt, die Geschwindigkeit auf Autobahnen auf 130 km/h zu begrenzen, dann ist dies ein Beispiel für eine geradezu mißbräuchliche Benutzung des biblischen Auftrags (man fragt sich, wer in der Kirchenleitung auf solche Ideen kommt). Wichtig wäre vielmehr die Konzentration auf die Kernaufgaben der Kirche, dazu gehört mit absoluter Sicherheit nicht die allein staatlich Aufgabe, nach Abwägung aller Rahmenbedingungen die Geschwindigkeiten auf Autobahnen festzulegen. Es ist, aus meiner Sicht, auch fragwürdig, dass die Kirche, angeführt von Herrn Prof.Dr. Bedfort-Strom, ein Schiff zur Rettung von Wirtschaftsflüchtlingen auf dem Mittelmeer finanziert. Das ist ein Eingriff der Kirche in von den europäischen Ländern beschlossene gemeinsame Festsetzungen zum Schutze der Außengrenzen der EU, dessen sich die Kirche enthalten sollte, wie groß ihre moralischen Bedenken auch sein mögen. Moral steht nach unserem gesellschaftlichen Verständnis und Konsens in einer Demokratie nicht über dem Gesetz ! Nach meinem Eindruck steht die Mehrheit der Kirchenmitglieder nicht hinter dieser Eigenmächtigkeit von Herrn Professor.
    Summa summarum: Die Tagespolitik sollte kein Aktionsfeld der Kirche sein, so sehr es manchen Pfarrer oder manches Gemeindemitglied auch jucken mag, die geistliche Macht für die Beeinflussung tagespolitischer Probleme einzusetzen. Die Kernaufgabe der Kirche ist doch vielmehr, im Prozess der Meinungsbildung politischer und gesetzlicher Entscheidungen beratend, mahnend und, wo möglich und sinnvoll, wirksam zu werden. Etwa im Problemkreis der Geburtenregelung oder in der Flüchtlingsfrage oder bei Gestaltung der Medienprogramme. Ich habe z.B. noch nicht wahrgenommen, dass unsere Kirche in den Medienräten, in denen sie vertreten ist, gegen die Häufung von Krimis und die immer deutlichere Darstellung von Gewalt protestiert hätte. Sie gebietet der Gewöhnung an die Gewalt keinen Einhalt.
    Zugleich verstehe ich die Bewahrung der Schöpfung als Erziehung zur Sorgfalt im Umgang mit der Natur in all ihren Formen, bis hin zur Organisation des menschlichen Zusammenlebens. Die explizierte Hervorhebung z.B. des Handels mit „fair trade“-Produkten ist keine Angelegenheit der Kirche. Es ist die Angelegenheit eines jeden einzelnen Menschen, wie er die Ausgestaltung der Bewahrung der Schöpfung für sich betreibt. Die Empfehlung bestimmter Handelspraktiken, so vernünftig sie auch sein mögen, hat doch nun weiß Gott nichts mit der Kirche zu tun. Das schließt überhaupt nicht aus, dass ev.Christen sich in ihrem Verständnis der Bewahrung der Schöpfung positiv zu „fair-trade“ und anderen ähnlichen Angeboten verhalten. Ich würde einen solchen Eingriff in meine Lebensweise jedenfalls weit von mir weisen.

    Das Kernstück unserer Kirche sind die Gemeinden. Die Gemeinden leben ganz wesentlich von ihren Pfarrerinnen und Pfarrern, sie sind die Seele der Gemeinde, sie sind die Seelsorger der Menschen. Mir scheint in der Aufgabenverteilung die Strategie, wie sie sich im Pkt. 3 widerspiegelt, die immer umfassendere Auslagerung von gemeindlichen Aufgaben in Sonderpfarrämtern zu werden. Da das theologische Personal nicht mit wächst, müssen die Sonderaufgaben durch Abordnungen aus dem Potential der Gemeindepfarrer abgedeckt werden. Das halte ich für eine Fehlentwicklung. Der Grundsatz müsste m.E. lauten: Gemeindepfarreien zuerst. Günter de Bruyn beschreibt den Bedarf an Seelsorge so:
    „Vielleicht kommen sie (die Menschen), um Lebenssinn oder Orientierung zu suchen, vielleicht um der Einsamkeit zu entfliehen, um Trost zu finden oder weil ihnen vor der Vorstellung des Todes als einem Nichts graut. Sie kommen der Seelsorge im weitesten Sinne wegen und sie werden nur bleiben, … wenn die Kirche ihre eigentliche Aufgabe erfüllt“.
    Wer könnte diese Seelsorge, die Einbindung der suchenden Menschen in die Gemeinde besser leisten, als ein Gemeindepfarrer? Ihm müsste die größte Fürsorge der Kirchenleitung gelten. Das 12-Punkte-Papier spiegelt das ungenügend wider.

    Kaum ein Problem bewegt die Menschen in Deutschland so sehr, wie die islamische Zuwanderung. Das gilt insbesondere für uns Christen. Es ist dies allerdings ein Problem der Kategorie, über das man „nichts sagen“ darf, um nicht in die rechtsextreme Ecke gestellt und sozial ausgegrenzt zu werden. Hört ein Pfarrer/Pfarrerin gerade nicht zu, diskutieren viele Gemeindemitglieder über das Migrationsthema sehr wohl, vor allem über das islamisch determinierte. Uns Christen ist gegenüber den Muslimen von den Kirchenoberen ein „liebe Brüder im Glauben“ verordnet (obgleich es auch „Schwestern“ gibt). Die Ablegung des Bischofskreuzes durch Herr Prof.Dr. Bedford-Strom vor dem Besuch der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem ist ein schlagender Beweis für diese Haltung. Diese seine Haltung ist unvergesslich, sie hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Aus meiner Sicht kann es kein Positionspapier im Sinne der 12-Punkte geben, das dieses Grundproblem der deutschen Gesellschaft mit keiner Silbe erwähnt. Ich möchte die Verfasser ermutigen, ja, auffordern, das Verhältnis zum Islam in die 12-Punkte aufzunehmen und damit den Christen eine realistische, lebbare Orientierung für ihr Verhältnis zum Islam zu geben. Eine Orientierung, die eine Brücke zwischen dem täglichen Erleben des Islam und dem islamischen Dogma baut (wenn das überhaupt noch möglich ist). Wir Christen erleben, dass wir nicht nur in der säkularen deutschen Gesellschaft in die Minderheit geraten sind, sondern auch gegenüber der deutschen islamischen Gesellschaft in die Minderheit geraten werden, weil die muslimische Population etwa drei Mal so schnell wächst, wie die abnehmende deutsche. Unsere Kirche kann sich nicht um eine sachliche und tabufreie Auseinandersetzung mit diesem gesellschaftlichen Problem drücken (wie sie es bisher tut).
  • Christfried Herklotz
    am 17.12.2020
    Ich finde das Papier ist vieeel zu lang und umfangreich. Es sollte und muss in den Gemeinden diskutiert werden.
    Damit dies aber möglich ist sollte es m.E. extrem gekürzt werden. So wie jetzt ist kann es nicht als Gesprächsgrundlage genommen werden.
    Ich schlage vor, zu jeder Leitlinie eine These zu formulieren. Und zwar kurz und deutlich.
    Diese Thesen könnten den Leitlinien voran gestellt werden. Und diese bäten dann Grundlage zur Diskussion.
    Wer mehr Informationsbedarf braucht, hat ja dann noch den Volltext der Leitlinien.

    Wenn wir Veränderungen wollen, dann geht das nur im Gespräch und durch die Mitarbeit der Gemeinden.
    Ein solch langer Text erschlägt aber m.E. viele und blockt gute und wichtige Veränderungen.
  • Krüger, Marita
    am 16.01.2021
    Liebe Schwestern. liebe Brüder der Luth. Bek. Gem.!
    Wie haben ein Papier vorliegen, hinter welchem ein langer Entstehungsprozess liegt und das von vielen Menschen verfasst wurde. Das merkt man dem Papier an und es vermittelt nicht eine systematische Gestaltung, sondern mutet an wie eine Ideensammlung, die in sich viele wichtige Einsichten und Probleme aufführt. Man merkt im Text die unterschiedlichen Ansätze und auch Zielrichtungen der Beteiligten. Das ist interessant zu lesen und gibt auch wichtige Denkimpulses, allerdings ist es kaum möglich darauf systematisch zu antworten. Wenigstens mir ist das nicht möglich, nachdem ich das Papier mehrfach gelesen habe, der Duktus der EKD Schrift gibt das nicht her. Zu zweiten mutet der Text wie eine Unternehmensberatung an(.s. auch Schwester Dr. Linck), was ja an sich nicht schlecht ist, aber das, was wir treiben und auch gestalten wollen, gehört ja in den Kontext dessen, was Kirche ist. Deshalb wäre es mir wichtig den Text unter folgenden Aspekten zu diskutieren:
    1. Welcher Kirchenbegriff ist im Text gemeint. (Der Verein oder die Communio sanctorum und ist die Digitalisierung die Lösung)?
    2. Wie lässt sich der Text unter dem Verständnis des Bekenntnisses interpretieren.
    3. Was ist der Auftrag der Kirche (Matth.28,19) und wie kommt er in diesem Papier zu stehen. Dazu noch die Heilsbedeutung der Taufe, wenn wir von Mitgliedschaft in der Kirche reden.
    4. Das allgemeine Priestertum aller Gläubigen als der Rettungsanker für alle Probleme und daraus folgend:
    5. Das Verhältnis Hauptamt und Ehrenamt und die Motivation bzw. auch Überforderung aller Mitarbeitenden in den Gemeinden. Wie attraktiv ist dann noch der Pfarrerberuf und wie gewinnen wir Menschen für diesen Berufsstand?
    6. Der Begriff Parochie und das Missverständnis, dass damit die konkrete Ortsgemeinde in ihren bestehenden Grenzen gemeint sei.
    Es gäbe noch vieles zu bemerken, ich lasse es erst mal dabei und freue mich auf eine gemeinsame Diskussion so wie sie Bruder Demut auch angeregt hat.
    Bis auf Weiteres herzliche Grüße und Ihnen alles Gute. Bleiben Sie gesund
    Ihre Marita Krüger

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